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Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden.

Raymond Carver ist ein Zauberer. Ein Zick Zack ragt auch über seinen Augen. Und Zick Zack ist er wieder unter uns, dieses Mal im Original! Denn alles, was wir bisher von ihm kannten - die Short Stories, kaum eine länger als zehn Seiten und scheinbar ohne ein Wort zu viel – wurden Zick Zack vom Zauberstab seines Lektors beschnitten und später zu Short Cuts gemacht. Carvers Ruhm beruht auf seinem, dem Lektor zu verdankenden, drastischen Stil. Doch sein Lektor Gordon Lish war ein Schwarzer Magier. Carvers Stories sind seinem Rotstift zum Opfer gefallen. All das, was wir von Raymond Carver kennen - und schätzen - ist nur die Hälfte von dem, was Carver seinem Lektor in die Hände gelegt hat. Vertrauen macht bekanntlich blind, so auch Carver, er und sein Lektor waren Freunde ehe sie zu Feinden wurden. Carvers karger, dreckiger Realismus in Würdest Du bitte endlich still sein, bitte - seiner ersten Short Story Sammlung - fand bei Gordon Lish seinen ersten Bewunderer und Lish bei Raymond Carver das labile Opfer für seine dringlichen Minimierungen in dessen Texten. Beide zusammen bildeten den Rohstoff für die sparsam beschriebenen Gewöhnlichkeiten in Carvers Geschichten über die gescheiterten Träume seiner verlorenen Helden. Den Minimalismus - der so erheblich zu seinem Ruhm beigetragen hat - wollte Carver nie ganz für sich beanspruchen, sowie er auch Lishs drastische Kürzungen - trotz des durchschlagenden Erfolges - nie ganz akzeptieren konnte. Letztlich wünschte sich Carver immer, dass seine Geschichten, weniger kurz und ungeschnitten veröffentlicht werden. Sein Wunsch ging Zeit seines Lebens nicht in Erfüllung. Fünfzigjährig starb Raymond Carver 1988 an einer blutigen Lunge – von den verfluchten Zigaretten komme ich nicht los – und wohl auch am Schmerz über die tiefen Schnitte in seinen Geschichten.

»Gordon, das letzte Buch ist mir entglitten wie ein Traum.«
Carver an Lish, 11. August 1982

Zwei Jahrzehnte später liegt Carver reanimiert vor uns. Seine Anfang der achtziger Jahre veröffentlichte und von Lish auf Bruchstücke zusammengestrichenen Geschichten in Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden, ist in den Zustand des ursprünglichen Manuskriptes zurückversetzt und unter dem Originaltitel Beginners erstmalig so publiziert, wie es sich Raymond Carver immer gewünscht und seiner Geliebten und Ehefrau Tess Gallagher versprochen hatte, als er ihr die gekürzte Fassung von 1981 widmete. Ihrer Unterstützung ist es nun zu verdanken, dass der wahre Carver veröffentlicht werden konnte. Die ungestrichenen, ungeschnittenen, ursprünglichen siebzehn Wovon wir reden Stories brauchen in Beginners nun doppelt so viele Seiten, um uns Carvers am Galgen ihrer vermasselten Leben hängenden Helden beim saufen, streiten, verzweifeln, zerbrechen und scheitern vorzustellen. So auch Herb, Terri, Laura und der Erzähler der titelgebenden Geschichte Nick, deren Gespräch über die Liebe (oder das, wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden) in der Senkgrube eines Samstagnachmittages um den Küchentisch kreist, während sich beide Pärchen nach und nach mehr Gin denn Tonic in die leeren Gläser gießen und zwischen den Worten auch ihre Köpfe zu kreisen beginnen. Alle Arten der Liebe werden zu Wort gebracht – wahre Liebe, spirituelle Liebe, sinnliche, sexuelle, vereinnahmende, obsessive, unerwiderte, platonische Liebe – und auch die schmerzliche, brutale und demütigende Liebe, die auch Carver über Jahre hinweg zu erleiden hatte und von der Terri ihren Freunden gleich am Beginn der Geschichte erzählt:

»›Eines Abends hat er mich verprügelt, das war unser letzter Abend. Er hat mich an den Füßen durchs Wohnzimmer gezerrt und immer wieder gesagt: ‘Ich liebe dich, kapierst du das denn nicht? Ich liebe dich, du Schlampe.’ Danach hat er mich wieder durchs Wohnzimmer geschleift, und ich bin mit dem Kopf überall angestoßen.‹ Sie blickte in die Runde und dann auf ihrer Hände. Sie hielt das Glas mit beiden Händen. ›Was soll man von so einer Art Liebe halten?‹, fragte sie.«

Dieselbe Frage musste sich Carver wohl auch gestellt haben, als er der Hälfte seiner Geschichte von Gordon Lish beraubt wurde. All die Bewunderung und das Vertrauen in seinen Lektor war von drakonischer Größe – du bist unglaublich, ein Genie, ganz ohne Zweifel, besser als zwei Max Perkins – und dennoch, Raymond Carver schmerzte der Verlust seiner Worte so sehr, dass er an den massiven Änderungen seines Manuskriptes zu zerbrechen drohte – Ich bin noch zu nah dran an dieser Geschichte. Das hat natürlich viel damit zu tun, dass ich nicht mehr trinke, und mit meinem gerade erst gewonnenen (und noch sehr labilen, das sehe ich jetzt) seelischen Gleichgewicht. Ich will dir die Wahrheit sagen: Meine geistige Gesundheit steht auf dem Spiel. Ich will wegen dieser Sache Deine Liebe, Dein Ansehen nicht verlieren, auf gar keinen Fall. Das wäre, als ginge ein Teil von mir zugrunde, ein Teil meiner Seele. - Wie Terri, Opfer einer brutalen Liebe, Schläge und Schmerzen über sich ergehen lassen musste, ließ auch Carver die demütigen Einschnitte, aus ehrfürchtiger Liebe zu Lish über sich ergehen und ließ die mit Rotstift gestrichenen Worte blutig in seinen Manuskripten klaffen. In seinen Briefen an Lish macht Carver seine Seelenpein deutlich, und dass die Liebe alles andere als eine rationale, verständliche Sache ist. Nur zwei Tage, nach dem er seinen Lektor flehentlich um Verständnis gebeten hatte, seine Geschichten unter keinen Umständen in dem von ihm veränderten Zustand - halbiert, karg, den Rückblicken und Stimmungen beraubt - zu veröffentlichen, nur zwei Tage danach willigte Carver euphorisch ein, Lishs gekürzte Version seiner Geschichten in dem Buch abzudrucken. Wie von Liebe verzaubert, ist er plötzlich begeistert von dem Buch und davon, dass es bald erscheint. Der Erfolg von Wovon wir reden war immens und Craver entsprechend glücklich über sein Buch und dankbar für Lishs Gespür, das aus seinen Geschichten zu machen, was wir lange Zeit für den wahren Raymond Carver hielten. In den Genuss des wahren Carver kommt man jedoch erst jetzt, zwanzig Jahre später, bei der Lektüre der originalen Fassung seiner Short Stories in Beginners. Der alte, uns bekannte Carver schmeckte mit jeder Geschichte wie ein Wodka-Shot auf Eis, der neue ist kein warmer Sherry, er ähnelt aber immerhin einem Martini Extra Dry. Er ist weniger kratzig, weniger brutal, er erlaubt sich Abschweifungen und Stimmungen, ist umgänglicher und liebevoller mit seinen Helden, ist weicher und runder, aber auch konventioneller, als das, was Lish aus ihm machte.

Als blutige Anfänger/Beginners auf dem Gebiet der Liebe betitelt sich Herb und seine Freunde. »Was wissen wir schon über die Liebe?« fragt er in die Runde. Herb, der Herzchirurg ist, und aufgrund seines Berufes Carvers Spezialist in Liebesdingen, hat also auch keine Antworten. Antworten, die Carver in seinen lakonischen Geschichten nie zu geben bereit war, auch nicht in der ungekürzten Version seines Buches. Und wie Herb sein Skalpell am schlagenden Herz ansetzt, so setzte Lish seinen Rotstift auf die Geschichten und strich durch Carvers Seele. Die Beziehung zwischen dem Autor und seinem Lektor hatte sich bis zu Carvers Tod nicht mehr erholt. Raymond Carver selbst suchte vergeblich Mittel und Wege, Lish ebenso zu verletzten, ihn gleichfalls zu demütigen, doch in diesen Dingen war Carver ein blutiger Anfänger. Sein Brief an Lish, zwei Jahre nach Erscheinen des Buches Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden, bittet noch immer vergebens nach nichts anderem, als um Liebe.

»Was ist los, magst du mich nicht mehr? Ich höre überhaupt nichts mehr von Dir. Hast du mich schon vergessen? Na, wenn das so ist, dann nehme ich mir das Interview noch mal vor {in the Paris Review} und streiche all das Gute, was ich da über Dich gesagt habe.«
Carver an Lish, 21. Januar 1983


Raymond Carvers originale Short Story Sammlung Beginners ist Anfang April in vorbildlicher Übersetzung ins Deutsche im S. Fischer Verlag erschienen. Zu jeder restaurierten Geschichte gibt es ausführliche Informationen über den Verlauf der Veröffentlichung und prozentuale Angaben über die wiederhergestellten Textteile. Zudem ist der Band mit einen Nachwort und Auszügen aus dem Briefwechsel zwischen Carver und Lish versehen. In den nächsten Monaten veröffentlicht Fischer Lishs Carver Versionen als Taschenbuch.

Im englischen Original ist die Geschichte Beginners hier zu lesen.

11 April 2012  

„Bücher - Eine seltsamere Ware gibt es schwerlich in der Welt. Von Leuten gedruckt, die sie nicht verstehen; von Leuten verkauft, die sie nicht verstehen; gebunden, rezensiert und gelesen von Leuten, die sie nicht verstehen, und nun gar geschrieben von Leuten, die sie nicht verstehen.“

Georg Christoph Lichtenberg 

2 April 2012  

Das Wagnis des Erzählens

Die Leere auf dem weißen Papier ist die Hölle. Geschmückt mit dem frivolen Grinsen ihrer Jungfräulichkeit, lacht sie all jenen entgegen, die im Versuch die Leere zu füllen und das Weiß zu beruhigen, zum Kampf gegen Goliath antreten. Doch wie lächerlich ist das Schleudern der Buchstaben, um aus ihnen Worte, Sätze, Gedanken zu bilden, lächerlich das vorgegaukelte Papier auf dem Bildschirm, lächerlich das Streben, die Wahrheit zu offenbaren. Das Wagnis des Erzählens, ohne feige vor dem weißen Gelächter in die Knie zu gehen, sondern zum Kampf gegen den schallenden Lärm anzutreten, ist der Höllenritt eines jeden, der schreibt. Die Bürde ist dem Schreibenden auferlegt und nur durch eine wachsende Kolonie an Worten kann er sein Unwohlsein zum Erliegen bringen. Das Erzählen jedoch ist nicht allein ein geistiges, es ist auch ein körperliches Leiden. Mit Hingabe zwingt es den Schriftsteller an seinen Schreibtisch, auf die stummen Tasten der Klaviatur schlagend, um der Realität zu entfliehen und einsam in der erschaffenen Fiktion zu baden. Ein Satz, ein Wort, ein Komma oder Punkt kann einen weiteren Tag in disziplinierender Gefangenschaft bedeuten. Warum sich also freiwillig auf solch einen Kampf einlassen? Was treibt den Schreibenden dazu an? Ist es wahrlich ein tiefes inneres Bedrängnis, jenes wilde Feuer, das ihm keine andere Wahl lässt? Ist es die Ekstase der Allmacht, seine fiktiven Welten meisterlich zu dirigieren? Oder doch der bloße Wille am Ruhm? Und wieso sich dem Wagnis des Erzählens widmen, wenn doch schon so viele die Kunst des Erzählens für sich beanspruchen? Warum also Flaubert oder Tolstoi, Woolf oder Austen, Musil oder Proust auf die Finger treten? All dem zum Trotz: Nicht wenige wagen es! - Selten sind sie zu erblicken, denn sie geben sich scheu und empfindsam. Im März aber zeigten sich wieder Duzende von ihnen in der Stadt Leipzig - es war Buchmesse. Dort begegnete man den Artisten der Worte, die schreckhaft im Trubel, zwischen abertausenden Büchern, welche von gierigen Verlagen vorgeführt und in Hoffnung auf Applaus gegeneinander antraten; jene Bücher, die nach all der Qual und dem Leid des Schreibens, die Kür der Kritiker für sich entschieden; jene Bücher, die das Grinsen des unbeschriebenen Papiers hinter sich ließen und gezähmt im Wettkampf um das lockerste Portemonnaie der Leser stritten. Jene Bücher also, die die Kunst des Erzählens unter sich aufteilten.

Die Bücher in diesem Jahr? Sie galoppierten über Sand und verbrannte Erde, über schwarze Berge und weißes Land, durch ein Imperium an Parallelgeschichten, in ein weiteres Buchjahr in dem man aufhörte sich Sorgen zu machen und anfing zu träumen. - Überrannt wurden die unzähligen Geschichten nur von der hungrigen Meute vor den Mikrofonen und Kameras, den bleichen Klonen Reich-Ranickis, die sich um Wörter stritten. Wie Artisten flogen die Bücher durch die Messehallen, von Herrn Scheck zu Frau Radisch, von 3sat zu arte, von Interview zu Lesung. Sie wurden dressiert vor einem schamlosen Reigen an Besuchern, die die wertvolle Luft im Bücherzelt schneller aufzehrten, als es dem Buchhändler aus Rackwitz oder Belgerhain lieb war. Am Siedepunkt ergriff der Vernünftige schnell die Flucht und verließ den Zirkus, um seine wiedergefundene Zeit, den Büchern, und nicht den gequälten Autoren zu widmen. Die Stunden im Zug, auf dem Weg zurück ans heimische Bücheregal, lieferten all jenen Vernünftigen dann auch die nötige Ruhe, um sich entweder waghalsig zwischen die Seiten eines der noch ungelesenen Bücher zu stürzen, oder aber feige auf Nummer sicher zu gehen und einen geliebten Klassiker, wie den Gatsby zu genießen. Ein solches Buch lässt den Zweifler nicht im Stich und seine Zeit wie im Fluge vergehen, auch wenn die Regionalbahn durch Sachsen keinen Bahnhof auszulassen droht. Die Kunst des Erzählens fesselt den Leser, hält ihn gefangen, so wie sie den Autor am Schreibtisch festgehalten hat. Wie funktioniert der Zauber des Erzählen, der uns Leser aus dem ratternden Zug, hinein in die fiktiven Welten auf dem beschriebenen Papier, katapultiert? Welten, die uns so viel reicher und realer als die Wirklichkeit erscheinen.

Auf der Suche how fiction Works (so der Originaltitel seines 2011 in deutsch veröffentlichten Buches Die Kunst des Erzählens) begab sich der britische Kritiker James Wood auf das Terrain der großen Meister erzählender Prosa. Wood sammelte sich durch die Perlen der Literaturgeschichte und eröffnet dem Leser, wie der Zauber des Erzählens, aus den Buchstaben, Worten und Sätzen, wahrhaftige Gedanken und scheinbar reale Figuren entstehen lässt; wie erlebte Rede, Dialog und Details den Roman als ganzes zusammenhalten; wie mit Flaubert das moderne Erzählen geboren wurde und damit bis heute die Wahrheit und der Realismus in der Prosa den Ton angeben. Es lässt sich nicht leugnen, dass auch in diesem Jahr die Hallen der Buchmesse, mit dem von James Wood deklamierten konventionellen Erzählen überquollen. Die Schriftsteller treiben beharrlich ihr ewig gleiches Spiel um Realität und Fiktion und versuchen mit den immer gleichen Codes der narrativen Wirklichkeit, unsere eigene Wirklichkeit vergessen zu machen. So gequält die Autoren auch sein mögen und so schmerzlich ihre Einsamkeit auch auf ihnen lastet, sie reproduzieren ihr Erzählen beständig selbst und bedienen sich noch immer jenem realistischen Handwerk der großen Meister, den Flauberts und Tolstois, ohne ihre eigenen Mittel und Wege zu finden, die Kunst des Erzählens voranzutreiben. Warten wir also gespannt auf den Herbst in Frankfurt, in Hoffnung, dass die Schriftsteller ihren Hunger auf Realität sättigen und die Konventionen des Erzählens, für einen frischen Wind in den stickigen Messehallen, aufzugeben wagen.


 

Die Kunst des Erzählens ist 2011 im Rowohlt Verlag auf deutsch erschienen. James Wood schreibt für den New Yorker und ist Professor für Literaturkritik an der Harvard University.

Der große Gatsby von Francis Scott Fitzgerald ist in diesem Jahr vom Suhrkamp Verlag wunderschön Neuübersetzt und auf der Buchmesse vorgestellt worden.

Der Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse in diesem Jahr ist Wolfgang Herrndorf mit seinem Roman Sand.

20 März 2012  

“Kann man das Schreiben lernen? Eine Frage, ebenso beliebt wie schwer zu beantworten. Die Literatur verlangt eben nicht nach vorbereitenden Kenntnissen und eingeübten Fertigkeiten wie die bildende Kunst, wo selbst der unkonventionellste Maler erst einmal zu erfahren hat, wie man Farben mischt, oder die Musik, die selbst atonale Komponisten zwingt, sich zunächst mit den Grundzügen des Kontrapunkts vertraut zu machen. Schreiben aber kann jeder – und zugleich niemand; deshalb sind auch die größten Schriftsteller nicht vor den einfachsten Anfängerfehlern gefeit. Wenn man es also überhaupt lernen kann, dann nur durchs Lesen, durch die Auseinandersetzung mit den großen und kleinen Meisterstücken ebenso wie mit den unzähligen gelungenen Werken, die dennoch aus diesem oder jenem Grund nicht an die Spitzen der Gattung heranreichen. Schreiben lehrt man, indem man Lesen lehrt.”

— Daniel Kehlmann im Vorwort zu Die Kunst des Erzählens von James Woods.

28 Februar 2012  

Der Trost der Dinge

                                                                                    Prada Marfa by Elmgreen & Dragset

Eine sentimentale Anklage.

Es ist nicht leicht, den Mensch hinter all seinen Dingen zu erkennen. Versteckt hält er sich hinter Bergen aus wärmender Wolle und glänzender Seide seiner Kleider, Mauern aus Buchstaben und Papier seiner Bücher, Türmen aus Stahlrohr und Eichenholz seiner Tische und Stühle und Wänden aus Erinnerungen seiner Bilder und Briefe. Umzingelt von Hunderten Dingen, wähnt er sich in Sicherheit vor seiner Existenz. - Leicht war es, Patrick zu erkennen, denn Patrick besaß keine Dinge. Sein Schlafzimmer war mein Treppenhaus, das ich oft, wenn ich spät nach Hause kam, in Angst seine Nachtruhe zu stören, leise durchschlich. Patrick eroberte sich in nächtlicher Routine sein Schlaflager zwischen den Etagen und ich witterte ihn schon beim Öffnen der Haustür, auch in Dunkelheit. Buttersäure umhüllte ihn und immer wenn ich mit weitem Schritt über Patrick hinweg und schnell in meine Wohnung hinaufstieg, saß ich plötzlich wieder auf der Schulbank im Chemieunterricht und vor meiner Nase drehte sich ein Fläschchen voll goldener Flüssigkeit, die mich um ein Haar zum Erbrechen zwang. Oft war ich erzürnt, zum Beispiel wenn sich Patrick die Schuhe ausgezogen oder ich ihn rauchend im Treppenhaus vorfand, denn dann musste ich mir den Schal oder ein Tuch vor die Nase halten. Und obwohl Patrick kein einziges Ding besaß, außer seiner zerschlissenen Jeans und einem Wollpullover mit Kapuze, produzierte er beständig allerhand Undinge - die Asche und Filter der Zigaretten die er rauchte, die Krümel der Butterkekse, die er im Spätshop um die Ecke von seinem Almosen kaufte, die Glasflaschen und Plastikbecher, die sich neben ihm auftürmten und die Flüssigkeiten, die sich rot und gelb, wie Blut und Urin, um ihn herum ansammelten. All diese Dinge hinterließ Patrick allmorgendlich, um sich des Tages dem Rauschen der Züge im U-Bahnhof vor der Tür hinzugeben. Auch dort traf ich Patrick. Hinter seiner filzigen Kapuze versteckt und auf den kalten Gittern der Stühle sitzend, grüßte er mich immer, aber ich grüßte nur selten zurück. Wenn mein Treppenhaus Patricks Schlafzimmer war, dann war der U-Bahnhof sein Wohnzimmer. Dort traf er sich mit seinen Gefährten, die den Versuchen nicht müde, mir immerzu die Motz verkaufen wollten oder mich um fünfzig Cent baten. Patrick fragte mich nie nach Geld. - Seit zwei Monaten ist Patrick fort. Als ich ihn das letzte mal sah, hatte er einen Schlafsack, ein Ding mehr, das ihm Schutz bot, Schutz vor den Blicken der Fremden und Schutz vor dem nahenden Winter. Als mein Thermometer letzte Woche auf minus 21° fiel, musste ich an Patrick denken und ich fragte mich, wo wohl sein neues Schlafzimmer sei, das Treppenhaus bei mir war seit Wochen erschreckend leer.

Patrick kennt keinen Trost. Er ist nicht George, Jenny, Malcom, Charlotte, Marian, Stan, Charles oder einer der anderen Porträtierten in Daniel Miller’s Buch Der Trost der Dinge. In einer Studie über die emotionale und soziale Bindung der Dinge an seine Besitzer, begab sich der britische Anthropologe auf einer beliebigen Straße im Süden Londons, der Stuart Street, in einhundert Haushalten auf die Suche nach dem Trost, den uns die Dinge zu spenden vermögen. Das liebevolle Aufbahren der heimeligen Gefährten des Alltags, die uns manches mal, mit erschreckender Aufmerksamkeit belohnen, blieb Patrick in meinem Treppenhaus unbekannt. Kein Trost für ihn. Und was die deutsche Übersetzung des Titels The Comfort of Things auslässt, auch keine Behaglichkeit, keine Gemütlichkeit, keine Bequemlichkeit. Denn nicht bloß von einem passiven, empfangenden Trost und dem Akt des Tröstens, berichtet Miller in seinen 30 Einzelportraits, von denen in der deutschen Überarbeitung nur noch 15 übrig geblieben sind, sondern auch von comfort - Komfort, ein Wort das von deutschen Automobilherstellern schändlich missbraucht, sich kaum noch der Präsenz aller Gegenstände und Maschinen widmen kann; das deutsche Trost missachtet derlei konkreten Bezug zu den Dingen und vermenschlicht auf allen Ebenen.
In einem satten grau verborgen liegt das Verhältnis zwischen Mensch und Ding in Millers Theorie. Anstatt zuerst ein klares Schwarz und Weiß aufzuzeichnen und dann die grauen Linien der Mensch-Ding-Beziehungen zu analysieren, bewegt sich Miller auf seinem Trampelpfad der Empathie. Das in den Portraits aufgezeigte Geflecht zwischen dem Protagonist und seiner Dingwelt, bewegt sich auf einer Einbahnstraße, die zu erschreckenden Verkündigungen führt, bei welchen ich ebenso wenig Trost zu verspüren möchte, wie Patrick Nacht für Nacht in meinem Treppenhaus. So werden in Daniel Millers Portaits die Leere in Georges Apartment, zum Sinnbild der Leere seiner zwischenmenschlichen Welt, die Fülle an Nutzlosigkeiten in Mr. und Mrs. Clarkes Wohnung, entsprechend zur Fülle an emotionaler Wärme, die beide zu spenden bereit sind, der Laptop von Malcom ist nicht nur Verlängerung, er ist sogleich sein Gehirn und die Figuren der Happy Meal’s, sind für Marinas Kinder nicht bloß künstliches Spielzeug, sie dienen ihnen als sonntäglicher Großelternersatz.

Das Wesen seiner Studie vermag Daniel Miller nur einem seiner Protagonisten keinen Trost anzuerkennen. Inmitten der 15 Portraits beschreibt er die inexistente Dingwelt von Stan, für den Miller keine Empathie zu empfinden bereit ist. Stan war, wie Patrick, völlig von der Gesellschaft abgeschnitten, er hatte weder Mensch noch Tier, keinen Job, kein Konto, er hatte nichts. Heute bezieht Stan Sozialhilfe und wohnt auf der Stuart Street, allein in seiner Wohnung, in der Miller keine Objekte oder Erinnerungen ausfindig machen konnte. Allein die Pornographie, der Stan all seine Zeit einräumt, ‘eröffnet ihm die Möglichkeit, Objekte in bescheidenem Rahmen in zwischenmenschliche Beziehungen zu verwandeln.’ Unter den 15 Portraits ist Stan der einzige, der sich, mit beträchtlichem Abstand, aber immerhin mit Menschen in Beziehung zu setzen weiß, wenn diese auch als nackte Objekte täglich auf seinem Bildschirm aufleuchten. Isoliert vor seinem Computer, kann Stan, im Gegensatz zu den 14 anderen, ein klein wenig spürbaren Trost aus den Bildern der Reality-Sex-TV Luder schöpfen. Bilder, die er sorgfältig, wie Erinnerungstücke aus einem Haufen Asche zu bergen weiß, um sie dann in seiner Sammlung online auszustellen. Stan ist nicht nur Konsument dieser Bilder, er erschafft sich seine eigene Bilderwelt, und wie wertvolle Objekte, verhelfen sie ihm zur einzigen realen Begegnung mit Menschen. Für Daniel Miller ist in Stans Geschichte nichts Tröstliches zu finden. Wie auch? Stans schöpferischer Akt bildet eine individuelle, befremdliche Dingwelt, er konsumiert seine Bilder nicht um des Trostes willen, nicht wie George seine Leere, Mr. und Mrs. Clarke ihre Nutzlosigkeiten oder Marinas Kinder die Happy Meal Figuren. - Ob Daniel Miller im Verlauf seiner Studie, auch einen Patrick in den Hunderten Treppenhäusern der Stuart Street hat antreffen können, weiß ich nicht, aber Patrick hätte es sicher nicht in seine Studie geschafft, denn ohne all die Dinge, fand er auch keinen Trost.

Der Trost der Dinge von Daniel Miller ist in der edition Suhrkamp erschien, ebenfalls von ihm auf deutsch bei Suhrkamp wurde dieses Jahr Das wilde Netzwerk - Ein ethnologischer Blick auf Facebook veröffentlicht.

Über Dinge und Undinge weiß auch Vilém Flusser in seinen phänomenologischen Skizzen zu berichten, verlegt bei Hanser in der Edition Akzente.

16 Februar 2012  

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